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Filmprojekt

Diese Filmreihe dokumentiert die Geschichte der Zürcher Häuserbewegung.
Anhand von original Film-, Bild- und Ton-Dokumenten wird ein Bogen geschlagen, dessen Ausläufer bis zu den Züri-Festern der 50er Jahre reichen, als zahlreiche Jugendliche für ein Jugendhaus Geld sammelten. Ein Jugendhaus, «das in erster Linie jenen Jugendlichen zu dienen habe, die ihre Freizeit nach eigenem Gutdünken verbringen und sich keiner Jugendvereinigung anschliessen wollen.» (Jahresbericht Verein Zürcher Jugendhaus 1953).


1952 wurde dem Verein Zürcher Jugendhaus das Café des Drahtschmidli als Provisorium für den Betrieb einer Begegnungsstätte zur Verfügung gestellt.
Hier fanden auch die Vorbereitungen der Jugendlichen für ihre Aktion an drei Züri-Festen statt: Sie sammelten Geld für ein eigenes Jugendhaus. Bis 1958 hatte der Verein 800’000 Franken zusammengetragen. 1961 wurde das Drahtschmidli als Jugendhaus eröffnet. Entgegen der ursprünglichen Absicht wurde das «Drahtschi» stark von der Pfadi, der Jungwacht, sowie kirchlichen und sportlichen Vereinen geprägt. So blieb der Wunsch nach einem selbstbestimmten Treffpunkt bestehen. Anfangs der 60er Jahre entstand die Idee, das Pestalozzi-Schulhaus bei der heutigen Pestalozzi-Wiese als Jugendhaus zu nutzen. Leider wurde nichts daraus und der Globus zog dort ein. Der Globus zügelte zuvor in ein Provisorium an der Bahnhofbrücke. In der Zwischenzeit wurde das heute noch bestehende Gebäude erstellt und Anfangs 1968 bezog Globus definitiv das Warenhaus bei der Pestalozzi-Wiese.

Im Winter 67/68 haben verschiedene Personen die Plattenstrasse 27 gemietet. Hier entsteht ein selbstbestimmter, nichtkommerzieller Treffpunkt, wo die verschiedensten Personen ihre ersten künstlerischen Gehversuche machen.

Die «P27» ist der Stadt ein Dorn im Auge: In der Zeit des kalten Krieges gilt dieser Ort als ein Tummelplatz staatsgefährdender Elemente. Die Verträge werden auf den Frühling 68 gekündigt, das Haus abgerissen und bis heute befindet sich dort nur gerade ein Parkplatz. Mit dem Abriss der «P27» erlosch der Wunsch nach eigenen, selbstbestimmten Räumen nicht. Im Gegenteil: Die Erlebnisse in der Plattenstrasse 27 bildeten die Grundlage der rasch lauter werdenden Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum. Zentral gelegen, bot sich dafür das ungenutzte Globus-Provisorium an. Im Gemeinderat wurde verlangt, das Globus-Provisorium zum gemeinnützigen Gebrauch für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Am 31. Mai 1968 gibt es im Zürcher Hallenstadion ein «Monster-Konzert». Neben verschiedenen Bands tritt auch Jimmy Hendrix auf. Nach dem Konzert verlassen die BesucherInnen das Hallenstadion nicht schnell genug. Mit Knüppeln bewaffnete Beamte drängen die Leute hinaus, spucken und schlagen. Die aufgeheizte Stimmung entlädt sich. Es folgt ein kleiner Krawall in den Strassen Oerlikons.
Das Hendrix-Konzert hat gezeigt, dass ein Bedürfnis nach freien, autonomen Kulturräumen besteht. Aus Protest gegen die Polizei-Übergriffe rufen AktivistInnen der linken Gruppe FASS, («Fortschrittliche Arbeiter, Schüler und Studenten»), zu einem Tribunal auf. Sie ziehen vor die Hauptwache der Stadtpolizei, wo einem unbekannten Polizeischläger öffentlich der Prozess gemacht wird.

Anschliessend an das Tribunal ziehen die Demonstrantinnen ins Globus-Provisorium. Sie haben vom Stadtrat die Erlaubnis erhalten, die leerstehenden Räume übers Wochenende für ein Fest zu nutzen. Im Glauben, dem autonomen Zentrum einen wesentlichen Schritt näher gekommen zu sein, rufen sie zu einer VV vor dem Globus-Provisorium zwei Wochen später auf und verlangen ultimativ per 1. Juli dessen Eröffnung als autonomes Jugendzentrum.

«In den zwei Wochen vor dem sog. Globuskrawall, fanden zwei Besprechungen mit einem Ausschuss des Stadtrates mit einer Delegation der ‚Autonomen’ statt. Anlässlich dieser Besprechung erklärte Stadtrat Bieri, das Globus-Provisorium käme als Jugendzentrum nicht in Frage, weil der obere Stock bereits der Architekturabteilung der ETH zur Verfügung gestellt und der untere Stock durch Vertrag dem LVZ zugesichert worden sei. Die Architekturstudenten beschlossen darauf in einer Vollversammlung, zugunsten eines AJZ auf ihren Anspruch zu verzichten und teilten dies dem Stadtrat mit. Auch der LVZ wäre bereit gewesen, zugunsten eines AJZ, vom Vertrag zurückzutreten.»

In den Tagen nach dem Globus-Happening veröffentlicht die NZZ einen Leitartikel mit dem Titel ‚Wehret den Anfängen’. «Im alten Globus tönte es in der Samstagnacht allerdings weniger akademisch. Dort wurde die demokratische Ordnung auf handfestere Weise provoziert, nämlich mit nichts weniger als einem Ultimatum an die Stadtbehörden: entweder sie stiften den Jugendlichen, will sagen zur freien Verfügung derer, die sie revolutionär indoktrinieren wollen, ein Haus im Stadtzentrum oder man holt sich eigenmächtig was man nicht bekommt. Das ist eine neue Sprache in diesem Land, das ist der offene Terror einer Minderheit. Wenn man das durchgehen lässt, wenn das Schule macht, dann haben wir Anarchie.
…Unsere Demokratie würde zur Farce, wenn die Behörden durch solche Methoden sich in Galopp setzen und ihre Entscheidungen diktieren liessen.
…Man möchte die öffentliche Ordnung mit fester (wenn auch nicht mit unnötig heftig dreinschlagender) Hand gesichert wissen.
…Es ist Zeit, die Auseinandersetzungen von der Strasse weg in ihre geordneten demokratischen Bahnen zu weisen, die ja jeder Gruppe reichlich Raum zur Betätigung lassen, und es ist Zeit für ein ‚bis hierher und nicht weiter’ an die Adresse derer, die diese Ordnung erst stören und dann zerstören wollen.»

Unter dem folgenden massiven Druck konservativer Kreise zieht der Stadtrat die erwartete Bewilligung zur erneuten Nutzung des Globus-Provisoriums zurück. Ausserdem erlässt der Stadtrat ein Demonstrationsverbot. Am Mittwoch, dem 26.6.68 gibt es eine friedliche Warndemonstration vor dem Globus und durch die abendliche Innenstadt. Für die damalige Zeit ein provozierender, ungeordneter Saubanner-Zug, der die herrschende Ordnung verhöhnte. «Wenn Polizei erscheint, bleiben wir stehen. Wenn sie auf uns zukommt, beginnen wir zu unserer Lautsprecher-Musik zu tanzen. Wenn sie tätlich wird gegen uns, wollen wir uns heute zerstreuen. Wir sind nicht zum ‚Schlägeln’ gekommen.»

Am Samstag wird die ‚Aktion für ein autonomes Jugendzentrum’ von der Gewalt der Polizei überrascht. In einem Flugblatt haben sie zu einem Demonstrationszug vom Globus-Provisorium zum Bellevue aufgerufen, wo sie vor dem Opernhaus ein Altersheim erstellen wollen, da sie ja bald zu alt für ein Jugendhaus seien:

«Wir sind brave Kinder. Wir bauen uns ein Altersheim. Wir hören Herrn Stadtpräsident Widmer berechnen, man müsse damit rechnen, weil aus dem Negativen der unorganisierten Jugend nur Negatives entstehen kann.
Aber eins und eins gibt manchmal drei. Wir sind soooo brav geworden jetzt, wir bauen unser Kinderheim für bis ins hohe Alter. Wo wohl, wo? Treffpunkt auf jeden Fall für alle vor dem Globus-Provisorium. Und dann Kinderumzug (Kindertrommeln, Pfeifen, Nuggis, Trompeten und Rasseln nicht vergessen. Auch Schäufelchen und Kesselchen sind fein. Juhui!) Unbedingt mitnehmen: Baumaterial, Holz, Latten, Stangen, Bretter, Nägel, Hämmer, etc.»
 
Die massiv aufgefahrene Polizei verhindert jeden Ansatz zu einer Demonstration. Als die Polizei auch noch die Kundgebung auflösen will, entzündet sich die Wut der Verbliebenen. Die meisten Leute haben sich bereits in kleinen Gruppen Richtung Bellevue verschoben. Auch hier knallt es, als die Polizei und die Feuerwehr das Aufstellen der Baugespanne auf der Wiese verhindern und nicht einmal eine Kundgebung zulassen. Den Rest des Tages und der Nacht wogt das Geschehen nun zwischen Bellevue und Bahnhofbrücke hin und her.

Obwohl die Forderung nach einem AJZ in den Hintergrund gerückt war, gab es kleinere Gruppen, die nach wie vor dem Stadtrat ein AJZ abtrotzen wollten. Als Folge der stetigen Lobby-Arbeit erscheint im Juli 1970 ein Inserat, in dem Mitglieder des «Zürcher Manifests» zusammen mit dem Stadtrat im Namen des Autonomen Komitees zu einer VV aufrufen, um über das Angebot des Stadtrates – Lindenhofbunker als AJZ – zu diskutieren und abzustimmen.
Das «Zürcher Manifest“ war nach dem Globus-Krawall entstanden und bestand aus Lehrern, Anwälten, Politikern, Professoren und Theologen, die vermitteln wollten und sich selber durchaus als Sympathisanten des autonomen Komitees verstanden.
In den folgenden zwei Monaten werden die strittigen Punkte in zähen Verhandlungen zwischen dem Stadtrat und dem an der VV gewählten 15er-Komitee bereinigt.

Es kommt, wie es kommen muss: Die zuvor umstrittenen Punkte des Betriebsreglements können nicht eingehalten werden. Gegen die drohende Schliessung des Bunkers wehren sich die BenützerInnen, indem sie die autonome Republik Bunker ausrufen und sich weigern, den Bunker am 7. Januar 1971 zu verlassen.

«Wir aber suchen etwas anderes als Zerstreuung, Amüsement und Ablenkung. Wir suchen uns selber. Wo aber findet der Jugendliche die nötige Unabhängigkeit in unserer Stadt? Er fand sie im Bunker. Dort konnte er in seiner Freizeit seine Freiheit finden. Dort schrieb ihm niemand vor, wie er sich zu «benehmen»  und zu verhalten hatte. Das Experiment ist nicht gescheitert – es ist gescheitert worden. Ein richtiges ausbaufähiges Gebäude hätte mehr Aktivität ermöglicht. Hätte man die seit November geforderte Notschlafstelle nicht erst nach der Bunker-Schliessung eröffnet, wäre das Übernachtungsproblem gelöst worden. Hätte der Stadtrat ein wirkliches Interesse am Gelingen des Experimentes gezeigt, wäre der Bunker nicht gleich geschlossen worden.»

Radio Banana Mai 1980:
«Nach dem Bunker war das Odeon ein wichtiger Platz geworden, wo wir uns trafen und unsere Scenes hatten. Aber auch das Odeon wurde uns weggenommen. Das war 1972 und dort überlegten wir uns, wie geht es weiter und kamen auf die Idee, auf der Allmend ein Pfingstfest durchzuführen. Das lief zum ersten Mal 1972.» Das Drahtschmidli ist seit Beginn ein städtisches Jugendhaus, das von SozialarbeiterInnen geführt wird. Trotzdem taucht die Forderung nach autonomen Strukturen im Drahtschmidli bis zu seinem Abbruch im Dezember 1983 immer wieder auf.

Der Schindlerpark ist der letzte noch privat genutzte ‚Landsitz’ des Grossbürgertums. Im 19. Jahrhundert wie manch anderer ausserhalb der Stadt im Grünen erstellt, ist er mittlerweile von städtischen Siedlungen umkreist und liegt in der Nähe des Stadtzentrums. Anfangs der 70er Jahre verfügen die Nachkommen der Industriellen-Dynastie Schindler in einer Stiftungsurkunde, dass «Gebäude und Park dem Quartier zur öffentlichen Nutzung geschenkt werden, nicht der Stadt. Die Liegenschaft soll ein offenes Haus sein. Der Park darf nicht überbaut werden.»

Wieder unterstützen Gemeinderäte die Idee eines Begegnungszentrums. Als sie zu einer öffentlichen Begehung des Geländes am 18. August 1973 aufrufen, reagiert der Stadtrat mit der polizeilichen Absperrung des gesamten Parks. Entgegen dem Legat plant die Stadt, den oberen Teil des Parks zu überbauen. Dieser Plan kann verhindert werden und das Schindlergut nimmt ab Mitte der 70er den Betrieb als Aussenstation des nahe gelegenen Drahtschmidlis auf. Die BenutzerInnen sehen das Schindlergut aber eher als ein eigenständiges Projekt, für das sie selber verantwortlich sein wollen. Im Sommer 78 werfen sie die SozialarbeiterInnen mehr oder weniger hinaus und übernehmen die Liegenschaft. Nach zwei Wochen werden die Gutsgebäude von einem Grossaufgebot der Polizei geräumt.

Die Venedigstrasse nahe dem Tessinerplatz – und mit ihr sämtliche Gebäude – soll 1971 einem Einkaufszentrum weichen. Die BewohnerInnen – über 100 Personen jeden Alters – wehren sich und als sich ein Teil weigert, die Häuser zu verlassen, kommt es zur ersten Hausbesetzung in Zürich. Die aus der Innerschweiz herangekarrten Arbeiter beginnen trotzdem mit dem Abbruch. Wegen den anhaltenden Proteste müssen sie ihre Arbeiten aber einstellen. Trotz breiten Protesten werden die Häuser am 14.4.71 geräumt und abgerissen.

Am Hegibachplatz stehen die letzten zwei Wohnhäuser und die Kapelle der ehemaligen Diakonissen-Anstalt leer. Die Besitzerin – die Firma Mowag – ist nicht bereit, sie bis zum Abbruch – der noch in weiter Ferne liegt – an Wohngemeinschaften zu vermieten. So werden die Häuser am 29.8.73 im Anschluss an eine Demonstration besetzt. Während fast einem Jahr entsteht ein öffentlicher Treffpunkt, der auch vom Quartier rege benutzt wird. Im Sommer 74 lockert der Stadtrat das Abbruchverbot und ermöglicht damit der Mowag den sofortigen Abbruch. Am 25. Juli stürmt die Stadtpolizei die Häuser. Der militante Widerstand eines Teils der BewohnerInnen ist bis heute der einzige seiner Art geblieben.

Ende der 70er Jahre bildet sich im Kreis 4 die Gruppe ‚Luft und Lärm’. Sie versucht  die Bevölkerung mit lokalen Themen zu agitieren. Hauptpunkte ihrer Arbeit sind Verkehr, Luft und Wohnen. AktivistInnen der Gruppe sperren die Hohlstrasse bei der Bäckeranlage für ein Strassenfest, blockieren mehrmals die Langstrassen-Unterführung und richten in der teilweise leerstehenden Häuserzeile an der Hellmutstrasse ein Informationsbüro ein. Sie erklären sich bereit, die Wohnungen auf eigene Kosten zu renovieren. Im Gegenzug erwarten sie eine symbolische Miete von 1 Franken. Die Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich geht auf den Vorschlag ein und überlasst der Gruppe ‚Luft und Lärm’ die Häuser an der Hellmutstrasse bis zum Abbruch – der bis heute nicht erfolgte. Mit ähnlichen, eher stilleren Aktionen, gelingt es anderen AktivistInnen weitere leerstehende Häuser zu übernehmen. Ein Teil besteht noch heute.  

Die nicht mehr genutzte Fabrik der Telefongesellschaft ITT am See in Zürich-Wollishofen ist anfangs der 70er Jahre von der Stadt gekauft worden. Sie dient einerseits dem Opernhaus sowie Firmen als Lagerraum. Andererseits gibt es seit 1975 immer wieder kulturelle Veranstaltungen in ungenutzten Räumlichkeiten.
Im Januar erfolgt der Zusammenschluss ‚aller’ Interessierten (diverse bürgerliche und künstlerische, gemeinnützige Organisationen und Vereine), um in den anstehenden Verhandlungen der Stadt gemeinsam gegenüber zu treten. Sie gelangen in einem offenem Brief an den Stadtrat, worin sie eine offene Planung des Nutzungskonzeptes mit den BetreiberInnen fordern. Am 12. Mai erfolgt dann die Gründung der IGRF.

Parallel dazu sind weitere Gruppen tätig, die sich im März in der «Aktionsgruppe Rote Fabrik» formieren.
 
«Am 8. März findet in der Roten Fabrik ein Fest statt, das‚ em Tüüfel ab em Charre gheit» heisst. Es laden ein: D’ Krüppeli, die Schwulen, die zu Kleinen, die Knastis, die Blinden, die Kranken und andere die daneben sind. Im Flugblatt steht:
«Wir wehren uns gegen den Zwang zur Normalität und haben die Nase voll, uns immer anpassen zu müssen. Wir wollen so sein wie wir sind: daneben. Wir machen ein friedliches Fest mit Filmen, Shows, Theater, Diskussionen und Tanz bei Musik, dass es fetzt.» Am 9. März – also am Tag darauf – gibt es auch in der Roten Fabrik eine Veranstaltung zum Thema Freiräume. Also freie Räume, freie Räume für die Zürcher «Scene», für uns. An diesem Sonntag sprechen verschiedene Leute darüber, was wir gegen diese Scheisse tun können., dass wir endlich mal wieder einen Raum haben, mehrere Räume haben. «Low budget», eine neue Gruppe, die versuch, billige Konzerte zu veranstalten, sucht einen Raum. Die Punks haben keinen Raum. Framamu (Die Gruppe «Frauen machen Musik») suchen auch Räume. Es gibt Theatergruppen, die Übungsräume brauchen. «Rock als Revolte» sollte auch Räume haben, um ihre Sachen zu veranstalten.»

Am 30. Mai 1980 findet eine Protest-Demonstration vor dem Opernhaus statt. Die DemonstrantInnen protestieren dagegen, dass das Opernhaus Teile der Roten Fabrik als Abstellraum für ihre Kulissen missbraucht und zusätzlich noch einen 60 Millionen-Kredit erhalten soll, während für alternative Kultur angeblich kein Geld vorhanden ist. Die in Krawall-Montur auftretenden Polizeikräfte provozieren einen Krawall, welcher den Grundstein für die sogenannten ‚Zürcher Unruhen’ legt.

Am 28. Juni wird das AJZ an der Limmatstrasse 28 eröffnet. Den AktivistInnen bleibt kaum Zeit, ihre ersten Ideen umzusetzen und die Renovationen abzuschliessen, da wird das AJZ am 4. September nach einer Gross-Razzia geschlossen. Das AJZ wurde geöffnet, um beim erstbesten Vorwand gleich wieder geschlossen zu werden. Ähnlich wie es beim Bunker 1971 war. Doch dieses Mal ist die Bewegung stärker und erzwingt die Wiedereröffnung – wenigstens für ein Jahr.

Das AJZ scheitert an der Ansammlung der städtischen Sozialprobleme und an den eigenen Konflikten – zurück bleiben die Erinnerungen an traumatisierende Erlebnisse, die vor allem geprägt von der Ohnmacht gegenüber Dealern und der städtischen Drogenpolitik sind.

Auszug aus Bericht der Trägerschaft
«Die Arbeit, die geleistet werden muss, lässt sich abschätzen, wenn man weiss, dass während der warmen Jahreszeit an Wochentagen zwischen 600 und 1000 Besucher gezählt werden. An Wochenenden erhöht sich diese Zahl bis auf 3000.
Zudem erweist sich die interne Abmachung, keinen vom Zentrum auszuschliessen, als Überforderung. Besonders die Devise ‚Fixer ja – Dealer nein’ entpuppt sich als Illusion. Das AJZ wird immer mehr zum Indikator ungelöster Sozialprobleme in der Stadt Zürich. Drogenkonsum und Drogenhandel florieren, der Handel aber wird von Zentrumsbenützern unter grossen persönlichen Risiken immer wieder bekämpft.»

Auch nach dem Abriss des AJZ geht das Ringen um Lebensräume weiter. Am Tessinerplatz und vor allem am Stauffacher wird mit viel Phantasie versucht, die Umgestaltung ganzer Quartierteile zu verhindern.

Der Tessinerplatz beim Bahnhof Enge ist heute umgeben von modernen Grossbauten. Bis in die 70er Jahre formten grossbürgerliche Wohnhäuser und zahlreiche Kleingewerbler ein dorfähnliches Bild. Die Häuser an der Venedigstrasse standen an der südlichen Seite des Platzes, das Häusergeviert an der Lavaterstrasse lag dem Bahnhofsgebäude gegenüber. Deren Bewohner wehrten sich mit allen juristischen Mitteln und gelangten bis vor das Bundesgericht. Zum Schluss gestalteten Dutzende von Künstlern die Häuser als Kunstobjekt und schenkten diese dem Kunsthaus Zürich – ein Kunstwerk sollte doch späteren Generationen erhalten bleiben.

«Am Tessinerplatz steht ein städtebaulich und quartierpolitisch folgenschwerer Häuserabbruch bevor. Ende Oktober 1980 erteilte die Bausektion 2 die Abbruchbewilligung für sieben Wohnhäuser gegenüber dem Bahnhof Enge.
Gleichzeitig wurde den Eigentümern die Baubewilligung für eine Geschäftsüberbauung erteilt. Die betroffenen Mieter und Anwohner haben am 16. November 1980 den‚ Mieterverein Tessinerplatz’ gegründet, um dem drohenden Abbruch gezielt entgegenzutreten und für die Wohnraumerhaltung einzustehen. In einem ersten Schritt reichten einige Mieter innert gesetzlicher Frist Rekurs gegen die Abbruchbewilligung ein. Der Tessinerplatz ist ein lebendiges Quartier, man hält oft an für einen Schwatz auf der Strasse, in den Läden und Beizen. Rund herum ist man gerne gesehen und geschätzt. Unserer Meinung nach würde das Quartier durch unseren Wegzug an Wohnlichkeit und Lebendigkeit verlieren. Es ist gar nicht übertrieben, von einer ‚Wohnstrasse’ oder von einem ‚kleinen Dorf’ beim Bahnhof Enge zu reden – dies alles soll verschwinden, ausgerechnet in einer Zeit, in der die zunehmende Vereinsamung und Heimatlosigkeit als Ursache krasser gesellschaftlicher Fehlentwicklungen erkannt werden.»

Die Geschichte der Häuser am Stauffacher dürfte weit über Zürich hinaus bekannt sein. Über zehn Jahre (von 1980 bis 1990) zog sich der Versuch breiter Kreise aus dem Quartier hin, den geplanten Abriss des ‚Tors zu Aussersihl’ mit allen Mitteln zu verhindern. Die phantasievollen, frechen, witzigen und militanten Aktionen machten diesen Kampf legendär. Auch nach der Räumung am 9. Januar 1984 bleibt es nicht ruhig.

Die AktivistInnen thematisieren mit verschienen Aktionen das ab dem 1. Januar 85 geltende Pensionskassen-Obligatorium. Inzwischen beteiligen sich nämlich verschiedene kleinere und grössere Pensionskassen am Stauffacher-Projekt.
Im Rahmen der Aktion ‚Kohle, Kies, Maroni’ leeren sie sackweise Kohle und Maroni in den Eingangsbereich der heutigen Credit Suisse Filiale am Stauffacher.
Sie gründen die Zivilschutz-Verweiger-Gruppe ‚Schutz=Widerstand’. Die Gruppe handelt gemäss dem Motto: «Bis es den Behörden nicht gelingt, das Recht auf Wohnen zu schützen, erachten wir es als unsere Pflicht, uns vom Zivilschutz zu dispensieren.» Und schliesslich werden am 24. August 1984 drei grössere Betriebe zeitgleich besucht, deren Pensionskassen am Stauffacher investieren: Die Werkseinfahrt der Brauerei Cardinal in Fribourg wird von angeketteten AktivistInnen blockiert. 2 Studenten bringen dem  Basler Planungsbüro, welches den Neubau entwickelt hat, einen Kuchen. Beim Anschneiden des Stauffacher-Kuchens klicken Handschellen um die Handgelenke von vier Direktionsmitgliedern. An der Zürcher Bahnhofstrasse ketten sich AktivistInnen an die Radiatoren der Firma Danzas.

Medienschaffende in der ganzen Schweiz erhalten Schlüssel per Kurier, damit sie die Leute vor Ort befreien können. Die Belegschaften der Betriebe, deren Pensionskassen am Stauffacherprojekt beteiligt sind, werden aufgerufen, sich dafür einzusetzen, dass ihr Betrieb sich am Stauffacher zurückzieht. Einige kleinere Betriebe ziehen sich auch tatsächlich zurück.

«Liebe ArbeitnehmerInnen, liebe Arbeitnehmer, liebe Gewerbetreibende und Kleinkrämer: Sie wissen, ab dem 1. Januar 1985 wird die Pensionkasse obligatorisch. Ab dann steht auch ihre Zukunft gesund auf zwei Säulen. Aber der Stauffacher zeigt, die PK’s gehen auf eine unverantwortliche Weise mit ihren Geldern um ... Verlangen sie Generalversammlungen von den PK’s, schauen sie, dass das Geld in die richtigen Finger kommt. Weil mit diesen Geldern, die eigentlich für ihre Zukunft gedacht sind, wird ihre Gegenwart jetzt verbaut. Lassen sie sich nicht auf diesen Tausch ein. Lassen sie sich nicht auf eine ungewisse Zukunft ein, von der sie sowieso nicht wissen, was sie ihnen Wert sein wird. Lassen sie sich nicht auf diesen Tausch ein, ihre Pensionskassen-Gelder jetzt in Projekte zu stecken, die ihnen schaden. Machen sie es so wie wir, verlangen sie alles und jetzt.»

Nach der Räumung bildet sich zwei Jahre später ‚Karthago am Stauffacher’. Eine ernst gemeinte Lebensutopie, die sich stark am Buch ‚Bolo Bolo’ von P.M. orientiert. Am Stauffacher soll eine erste Duftmarke gesetzt werden.

«Das ist insofern wichtig, als dass die Geschichte des Zürcher Häuserkampfes zeigt,  dass wir eigentlich immer verloren haben und dass wir darum auch dazu kommen müssten, Ideen an diesen Häusern festzumachen, die nicht mit den Häusern selber fallen. Das heisst, dass wenn der Abbruchhammer diese Häuser kaputt macht, auch das Leben, das in diesen Häusern stattgefunden hat und die Personen, die dort zusammengekommen sind und was sie an Phantasien dort entwickelt haben, dass das nicht mit dem Bauschutt abtransportiert wird, sondern dass es irgendwo weitergehen kann» (Zitat aus einer Sendung von Radio LoRa vom September 86, Selbstdarstellung des Netzes).

Kanzlei
Das Schulhaus Kanzlei ist wegen rückläufiger SchülerInnenzahlen seit längerem nicht mehr gebraucht worden. Zuletzt war es von Klassen der Kunstgewerbeschule genutzt worden. Nun plant der Stadtrat, hier einen Polizeiposten mit Einstellhalle für die Fahrzeuge einzurichten. Dagegen regt sich im Quartier breiter Widerstand.
Der Verein ‚Kanzleitreff’ entsteht, der die Forderung nach einem Quartiertreff mit einer Volksinitiative unterstreicht. Diese wird im Herbst 83 dem Stadtrat übergeben. Nach langwierigen Verhandlungen beginnen sich im Sommer 84 verschiedene Gruppen im Kanzlei einzurichten. Die ehemalige Spuntengruppe ‚Levante’ des AJZ begehrt die Turnhalle, um dort eine alkoholfreie Beiz einzurichten – ohne Konsumationszwang. Die BetreiberInnen des AJZ-Kinos planen das ‚Xenix’ als Baracken- und Sofakino.

Das Kanzlei-Areal mit seinem grossen Kiesplatz um das Schulhaus und der Wiese ist ein wichtiger Treffpunkt für breite Bevölkerungskreise. Eine kleine Oase inmitten des pulsierenden Quartiers. Vor allem MigrantInnen schätzen diesen Ort mit seinen vielen Möglichkeiten sehr. Hier können sich Menschen aus zahlreichen Kreisen begegnen, deren Wege sich sonst kaum kreuzen. Leider stehen dem die internen Spannungen gegenüber. Seit Beginn gibt es gegensätzliche Grundhaltungen:
Die Einen wollten alternative Arbeitsstellen schaffen und sind deshalb bereit, Kompromisse mit den städtischen Behörden einzugehen. Im Gegenzug erhalten sie das Geld, um ihre Ideen umzusetzen. Sie haben keine Lust mehr auf unbezahlte Arbeit und brauchen auch mehr finanzielle Sicherheit für ihren persönlichen Alltag.
Dann gibt es jene, die ‚das Kanzlei’ als Basis für die verschiedenen Kämpfe sehen. Sie sind viel weniger zu Kompromissen mit der Stadt bereit. Die Gefahr deshalb keine Subventionen mehr zu erhalten, lässt sie kalt. Sie sind finanziell unabhängig und nach wie vor bereit, für ihre Ideen unbezahlte Arbeiten zu verrichten.

Zwischen diesen Polen wird ‚das Kanzlei’ bis zu seiner Schliessung im Januar 92 hin- und hergerissen.

Das «Häusernetz»
1986 gibt es über die ganze Stadt verteilt ein halbes Dutzend Orte, an denen – meist in mehreren Häusern – grössere Gemeinschaften leben: Die Höschgasse (25 Personen), die Badenerstrasse (20), die Schmiede Wiedikon (20), die Hüttisstrasse (40), die Albisstrasse (6), das Dreieck (50). Farbige Aktionen prägen das kurze, aber intensive Jahr dieses Netzes – neben heftigen internen Auseinandersetzungen, die auf der Annaburg schliesslich auch zum traumatischen Bruch führen.

Das Netz ist im Sommer 87 nicht nur in Zürich mit verschiedensten Aktionen präsent, sondern pflegt auch Kontakte zu anderen Städten (Genf, Biel, Bern, Aarau, St. Gallen, Winterthur, Basel). Einige davon bestehen bereits dank gütiger Mithilfe des Berner Spekulanten Kleinert. Er hat in mehreren Städten an zentraler Lage ganze Häusergevierte aufgekauft, um dort seine gefürchteten Einkaufszentren zu bauen. Am Stauffacher in Zürich hat er begonnen, weitere Käufe folgen in Biel, Bern und St. Gallen. BewohnerInnen der betroffenen Häuser spannen zusammen und unterstützen einander. Die bevorstehende Räumung der Hüttendorfsiedlung Zaffaraya in Bern mobilisiert ebenfalls viele Leute aus allen Städten. In Basel ist die ehemalige Stadtgärtnerei besetzt.

Eine gemeinsame Aktion stellt im Herbst 87 – aus zürcherischer Sicht – den Höhepunkt der überregionalen Zusammenarbeit dar: die Besetzung des Freilichtmuseums Ballenberg:

Original-Ton SF DRS (Sept. ’87)
«Ungewohnte Anblicke boten sich am Wochenende den BesucherInnen des Freilichtmuseums Ballenberg. An den schmucken Bauernhäusern prangten Protestplakate und auf den Wegen und Wiesen tummelten sich für einmal nicht Trachtenleute, sondern ein buntgemischtes Völklein benutzte das Freilichtmuseum für eine Demonstration. Rund 200 meist junge Leute aus der ganzen Schweiz demonstrierten gegen die Wohnungsnot, zu hohe Mietzinsen, die Bodenspekulation, sowie gegen das Abbrechen von Häusern. Der Ballenberg sei für die Aktion ausgewählt worden, weil gerade hier der Mythos einer bäuerlichen, demokratischen und freien Schweiz ohne soziale Konflikte aufrechterhalten werde. Doch dieses Bild entspreche nicht der Wirklichkeit.»

1988 ist äusserlich ein eher ruhiges Jahr. Die Nachwehen der Annaburg-Besetzung wirken bei den AktivistInnen bis in den Herbst nach. Doch hinter den Kulissen geschieht einiges:

Nach jahrelanger Treibjagd auf die Junkies entlang der Limmat dulden die städtischen Behörden im Sommer 1983, dass sich die Drogen-Szene hinter dem Landesmuseum im Platzspitz-Park niederlässt. Vorausgegangen ist dem ein polizeiinterner Streit. Während sich die ‚Uniform’-Polizei entschieden gegen eine Duldung der Junkies am Platzspitz aussprach, befürworteten die Detektive und Fahnder diese Konzentration der Drogenabhängigen an einem Ort.  
1988 spitzt sich die Situation am Platzspitz dramatisch zu. Junkies und KifferInnen organisieren sich gegen die zunehmende Polizei-Repression und gründen das ‚Frosch-Syndikat’ – unterstützt von Leuten aus den Häusern. Das im Herbst während fast einen Monat besetzte Cafe Meyer an der Limmatstrasse 28 übernimmt dabei eine wichtige Scharnierfunktion. Die gesundheitliche Situation der Menschen am Platzspitz verschlechtert sich massiv und im Herbst erklären GassenarbeiterInnen der ZAGYP zusammen mit dem Roten Kreuz den Notstand und schreiten zur Nothilfe. Über die weihnachtlichen Feiertage wird mit einem Zelt die Isolation durchbrochen, Personen aus allen Bereichen betreiben diesen zehntägigen Treffpunkt mitten im Platzspitz. Die Aktion mündet in die Gründung der ‚Arge Platzspitz’ – ein breiter Zusammenschluss von Jung und Alt mit dem Ziel, eine grundsätzliche Änderung der städtischen Drogenpolitik zu erreichen.

Grossprojekte im Kreis 5 – so «HB-Südwest» am Hauptbahnhof und ein Bauprojekt des Bührle-Konzerns bei der Wohlgroth-Fabrik – lösen eine breite Gegenmobilisierung aus: Die IG Kreis 5 wird gegründet. Die Stadtentwicklung wird nun innerhalb der Szene mit einem breiteren Blickwinkel betrachtet. Das Senter for applied urbanism  (SAU) leistet dazu wichtige theoretische Grundlagenarbeit.

Die IG Kreis 5 wird von QuartierbewohnerInnen gegründet, um die sich Mitte der achtziger Jahre  abzeichnende Zerstörung des Quartiers zu verhindern: Das Wohnquartier droht zwischen der expandierenden City und dem Ausbau des Nationalstrassen- und Eisenbahnnetzes zerrieben zu werden. Die VertreterInnen der IG Kreis 5 können mit ihrer fundierten Kritik an der Stadtentwicklung und vielfältigen Aktionen und Festen auf einen grossen Rückhalt im Quartier zählen. Das eine oder andere Projekt kann gestoppt oder bis heute verhindert werden, doch die Umwandlung des Kreises in ein trendiges Yuppie-Quartier können  sie nicht aufhalten.

1989
Die Wohnungsnot ist akut und sie betrifft breite Bevölkerungskreise, denn es gibt kaum mehr bezahlbare Wohnungen. Ausser einer Notschlafstelle sind alle städtischen Angebote gestrichen worden. Um die dringendste Not zu lindern, stellt das Sozialamt Wohncontainer vor der Gassenküche auf (> Teil 4). Mitte Januar 89 wird das Büro des Verein Zürcher Jugendwohnungen besetzt. Ziel der Aktion ist – neben dem Protest gegen die Geschäftspolitik des VZJ - auch die Adresskartei der MieterInnen zu erhalten. Der VZJ wurde nach der Schliessung des AJZ gegründet. Am Anfang stand die Idee, leerstehenden Wohnraum für randständige Junge zu vermitteln. Doch schon bald wurde der VZJ auch ein Vehikel, welches Hausbesitzer gezielt einsetzen können: Sie schieben den VZJ als Hauptmieter zwischen sich und die MieterInnen, welche dadurch zu UntermieterInnen, manchmal zu Unter-UntermieterInnen werden. In dieser Stellung können sie ihre Rechte nicht mehr wahrnehmen. Die UntermieterInnen des VZJ werden aus dessen Büro zu einer Versammlung in der Kanzlei-Turnhalle eingeladen. Hier entsteht die Idee des «Auflaufs gegen den Speck». Aus dieser wöchentlichen Protestaktion am Hirschenplatz entwickelt sich innert kürzester Zeit eine starke Wohnungsnotbewegung. Auch politische Parteien und verschiedene Organisationen wie der Mieterverband werden aktiv und lancieren für Mitte März ein Aktionswoche unter dem Motto ‚Wohnen tut Not’.

Anschliessend an die Gross-Demonstration vom 18. März wird ein Haus an der Köchlistrasse 18 besetzt. Diese Besetzung stellt einen markanten Wendepunkt dar. Der Charakter der Hausbesetzungen verändert sich: Bis zu diesem Moment war es vor allem eine Angelegenheit eingeweihter Kreise aus der «Szene», nun können und dürfen alle besetzen. Zahlreiche junge Leute nutzen die Möglichkeit. Sie besetzen Häuser ohne grosse Vorbereitung. Wohl werden die meisten schnell geräumt. Aber wenn die Besitzer sie weiterhin leer stehen lassen, werden sie bis zu drei Mal wieder besetzt. Noch vor den Sommerferien gibt der Stadtrat bekannt, dass er dem Genfer Modell folgen will. Häuser werden in der Folge erst geräumt, wenn eine Baubewilligung vorliegt und es gibt keine «Räumungen auf Vorrat». Zum ersten Mal ist es möglich, mehrere Monate oder länger in besetzten Häusern zu leben.
Knapp zwei Jahre nachdem die meisten der grösseren Lebensgemeinschaften aus ‚ihren’ Häusern vertrieben worden waren (> Teil 3), entstehen so neue Kultur- und Lebensräume. Zeitlich beschränkte Freiräume, Übergangslösungen, die sich aber immer wieder von neuem finden und entwickeln – bis heute. Parallel zu den «Aufläufen gegen den Speck» entsteht der Häuserrat. Ein erneuter Zusammenschluss bedrohter und besetzter Häuser. Er etabliert sich als Sprachrohr der Häuserbewegung. Die wöchentlichen Vollversammlungen in der Gassenküche sind wichtig für den Austausch innerhalb der Wohnungsnotbewegung. Der Häuserrat überdauert das Ende der «Aufläufe» nur um wenige Wochen.
 
Speziell an der Bewegung im Frühling 89 ist, dass sich der Widerstand in verschiedenen Bereichen kraftvoll ausdrückt. Unterschiedliche Gruppierungen unterstützen einander. Verschiedene Formen der Besetzung werden angewandt:

Die Asylbewegung geht mit der Gründung verschiedener Refugien in die Offensive.

Frauen begehen das Jubiläum zu 20 Jahren FBB (FrauenBefreiungsBewegung) damit, dass sie die alte FBB beerdigen und zu Aktionen unter dem Motto ‚Frauen bildet Banden’ aufrufen. Als erstes besetzen sie am 24.6. für ein paar Tage ein Haus an der Schmidgasse im Niederdorf. Weitere Aktionsformen der Gruppe «Tante Adelante» waren: Kraftvolle, eindrückliche Frauen-Nachtdemos und wirkungsvolle Buttersäure-Grüsse in den Zuschauerraum von Sex-Kinos.

Die Arge Platzspitz ist nicht nur am Platzspitz äusserst aktiv (tägliche Kochgruppe, häufige Präsenz), sondern beteiligt sich an den Aktionswochen ‚Gassa Nostra’. Dieses Jahr steht die von den GassenarbeiterInnen der ZAGJP organisierte Veranstaltungsreihe unter dem Motto ‚Kultur auf der Gasse’.

Im Herbst  wird der Gemeinderat über den Projektkredit  für die neue Überbauung des «Dreiecks», (eine von drei Strassen eingegrenzte Gruppe von schönen Wohnhäusern im Zürcher Kreis 4) entscheiden. Das ist die letzte Möglichkeit, mit einem eigenem Projekt gegen die Pläne der Baubehörden anzutreten. Den Winter haben einige BewohnerInnen mit der Ausarbeitung detaillierter Renovations- und Umbaupläne verbracht. Die Herausgabe der «Dreiecks-Zeitung» am 1. Mai 1989 stellt den Startschuss ihrer Kampagne dar. Der Verein Dreieck leistet sich eine bezahlte Sekretariatsstelle. Ein ehemaliger Hausbesetzer lobbyiert den ganzen Sommer hindurch bei den Gemeinderäten und erreicht damit, dass der Gemeinderat den städtischen Projektkredit ablehnt. Somit steht die Türe offen für das Projekt der BewohnerInnen des Dreiecks.  

Im Sommer 89 stehen die BewohnerInnen der Hüttisstrasse am Ende der Miet-Erstreckung. Sie lancieren ihre letzte Kampagne ‚Save the Hüttis Wildlife’ und kaufen sich ausrangierte Postwagen der Bahnpost, die sie zu fahrbaren Hütten umbauen. Ab dem 1. Oktober 89 erklären die verbliebenen MieterInnen den Auszugsboykott. Die BesetzerInnen der Scheideggstrasse ziehen nach der Räumung Mitte März 1990 an die ‚Hüttis’. Am 1.4.90 ziehen alle termingerecht an der Hüttisstrasse aus und besetzen die Kronenwiese oberhalb der Kornhausbrücke in Zürich-Unterstrass. Die ehemaligen BesetzerInnen der Scheideggstrasse organisieren sich Tipis und bauen Häuschen. Nach wie vor sucht die Gruppe geeignete Häuser für ihre Lebensgemeinschaft von 25 Personen – nun als ‚Verein zur Erhaltung von billigem Wohnraum’. Im Herbst 90 verlassen sie die Kronenwiese und besetzen leerstehende Häuser – vor allem städtische. Weiterhin erfolglos. Seit mehreren Jahren stehen sie mit den Verantwortlichen der städtischen Liegenschaftenverwaltung in Kontakt, um Liegenschaften im Baurecht übernehmen zu können. Obwohl sie mehrere geeignete Objekte vorgeschlagen haben, stossen ihre Bemühungen auf wenig Gegenliebe. Im Frühling 91 besetzen sie an der Freiestrasse in Zürich-Hottingen zum ersten Mal ein Haus in Privatbesitz. Die verantwortliche Erbengemeinschaft steigt unerwartet schnell auf den angebotenen Gebrauchsleihvertrag ein und ermöglicht es so den BesetzerInnen, zweieinhalb Jahre in diesem Haus zu wohnen.

Im Juli 90 wird die Limmatstrasse 217 geräumt, die seit dem 1.4.1989 besetzt war. Die BewohnerInnen ziehen eine Ecke weiter und besetzen die Heinrichstrasse 137, die dem selben Besitzer gehört. In der Zwischenzeit sind die Immobilienpreise eingebrochen und haben so verschiedene Immobilienspekulanten in den Ruin getrieben. So auch den Besitzer der Heinrichstrasse 137. Die BewohnerInnen der Heinrichstrasse 137 erreichen, dass die städtische Stiftung PWG die Liegenschaft erwirbt:  Die PWG beginnt mit den  BesetzerInnen über einen kollektiven Mietvertrag zu verhandeln.

Die Bäckerstrasse – eines der ältesten Häusern mit Gross-WG’s – ragt aus den Besetzungen der frühen 90’er heraus. Zu diesem Zeitpunkt sitzen die meisten BesetzerInnen zufrieden in ihren Häusern und werden – wenn überhaupt – erst aktiv, wenn die Räumung ansteht. Anders die etwa 40 BewohnerInnen der Bäckerstrasse: Sie versuchen mit verschiedenen farbigen, frechen und militanten Aktionen ihren Wohn- und Lebensraum zu erhalten, müssen sich aber auch gegen zwei Angriffe der privaten Sicherheitsfirma ‚Protectas’ wehren. Im Juli 92 wird die Bäckerstrasse von einem martialischen Polizeiaugebot geräumt, nachdem sie ein Jahr besetzt gewesen war und davor 9 Monate im Auszugsboykott gestanden hat (> Teil 7).

Die autonome Kulturwerkstatt Wohlgroth stellt den Höhepunkt des Lebens und der Kultur in den besetzten Häusern dar. Hier findet während zweieinhalb Jahren (Mai 91 bis November 93) vieles Ausdruck, was sich innerhalb eines einzelnen Hauses nicht umsetzen lässt. Raum zum Ausprobieren, eine Oase inmitten der boomenden ‚little big city’. Ein Ort ohne kommerziellen Druck, der vielen MusikerInnen und KünstlerInnen die Plattform für erste Auftritte bietet. Obwohl sich nur wenige AktivistInnen aus der 80er-Bewegung am Betrieb der Wohlgroth beteiligen, gelingt es den BetreiberInnen, die Fehler des ehemaligen AJZ zu vermeiden. Von Beginn weg gibt es einen Junkie-Raum und eine Notschlafstelle für Frauen. Die BesetzerInnen können immer wieder verhindern, dass sich der Drogenhandel auf dem Areal etabliert – vor dem Hintergrund der andauernden Jagd auf Junkies im Quartier eine beachtliche Leistung.

Während die AKW Wohlgroth blüht, geht das Quartierzentrum Kanzlei ein. Zwei Abstimmungen für die Verlängerung des Betriebskredits gehen verloren. Typisch für dieses Projekt war, dass es auf den Tag genau nur so lange bestand, wie die städtischen Subventionen flossen. Die Polit-Szene, welche dem Abstimmungskampf meist gleichgültig gegenüber gestanden ist, verschafft ihrem Unmut in einer kurzen Kampagne ‚Räume statt Räumungen’ Luft. Mehrere grössere Demonstrationen folgen, aber keine weiteren Taten.

Der Platzspitz wird definitiv geschlossen, ohne dass sich die städtische Drogenpolitik wesentlich geändert hätte. Die vertriebenen Junkies ergiessen sich in die Hinterhöfe der Kreise 5 und 6. Der einzige Erfolg der polizeilichen Verfolgungsjagden besteht darin, dass sich die Drogenszene in die benachbarten Quartiere verlagert. Wie fast zehn Jahre früher am Platzspitz – einfach 400 Meter weiter westlich – lassen sich die Junkies auf einer wenig benutzten Brache nieder: Den stillgelegten Geleisen des Bahnhof Letten.

Die AKW Wohlgroth ist in der Zwischenzeit massiv gewachsen. Die BewohnerInnen der umliegenden Häuser sind im Frühling alle ausgezogen. Die Häuser stehen nicht lange leer und im Frühsommer 93 leben gegen 120 Personen in der AKW Wohlgroth. Es ist allen klar, dass das Ende näher rückt und die BesetzerInnen sind  den ganzen Sommer und Herbst sowohl in den Medien als auch auf der Strasse mit farbigen und phantasievollen Aktionen und Stellungnahmen präsent. Die Räumung können sie dennoch nicht verhindern. Das Angebot von Bührle-CEO Hans Widmer, in eine kleine Fabrik in Zürich-Nord umzuziehen, lehnen sie dankend ab. Stattdessen geben sie die Schlüssel während spektakulären Presskonferenz an andere Theatergruppen weiter.

Nach der Schleifung der Wohlgroth nehmen die Hausbesetzungen wieder stark zu – gezwungenermassen. Trotzdem gibt es in der zweiten Hälfte der  90er Jahre nur noch einzelne besetzte Häuser – grössere besetzte Kulturräume fehlen ganz. Erst mit der Belebung des «Glacegartens» im ehemaligen Steinfels-Areal gibt es 1999 erstmals wieder einen öffentlichen Treffpunkt – wenn auch nur für ein paar Wochen. Doch daraus wächst die Lust nach mehr und an Ostern 2001 wird das «Ego-City» an der Badenerstrasse besetzt – ausdrücklich als Kulturraum – und seither gibt es in Zürich ständig mindestens einen grösseren Kultur-Squat. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

Unmittelbar vor der Wohlgroth-Räumung richtet sich ein Teil der Vertriebenen an der benachbarten Limmatstrasse 28 ein (ehemaliges Cafe Meyer > Teil 4, danach Tagesraum für Obdachlose TARO). Dort leben sie bis anfangs Juli 94. Weitere Folgebesetzungen finden an der Wittikonerstrasse 55, der Steinwiesstrasse 1, der Bellariastrasse 30, der Wehnthalerstrasse 115 und am Seilergraben 41 statt. Noch längere Zeit besetzt bleiben das "Ambiance“ an der Konradstrasse 71 und die Häuser an der Konradstrasse 15/17 im Kreis 5.

Die städtische Stiftung PWG schliesst mit den BewohnerInnen nach zermürbenden Verhandlungen Einzelmietverträge ab. Sie erleben am eigenen Leib und in aller Schärfe die Höhen und Tiefen der Legalisierung. Doch sind ihre Bemühungen wenigstens von Erfolg gekrönt: Die Heinrichstrasse wird noch heute als kollektiver Wohnraum genutzt. In der Zwischenzeit haben sie einen kollektiven Mietvertrag für das ganze Haus erhalten. Seit 2007 sogar inklusive der ehemaligen Kneipe, die sie nun als Gemeinschaftsraum und Küche nutzen.

Andere Gruppen – wie zum Beispiel die Hüttisstrassengruppe an der Ernastrasse 20 – haben weniger Erfolg. Sie scheitern nach langen Verhandlungen – ebenfalls mit der PWG – an der Höhe des Baurechtzinses. Die Hüttisgruppe lebt seit dem Herbst 93 im ehemaligen Hotel Ascona in Zürich Wiedikon. Hier bleiben sie weitere eineinhalb Jahre. Als sich das Ende abzeichnet, besetzen einige Leute ein Haus an der Ernastrasse in Zürich-Aussersihl. Eine andere Gruppe, welche nach wie vor auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus ist, bietet der Besitzerin PWG – einer städtischen Stiftung – die Übernahme des Hauses im Baurecht an. Diese Gruppe zieht mit Beginn der Verhandlungen ebenfalls an der Ernastrasse ein. Dieser Spagat stellt eine Zerreissprobe dar, die das Ende der ursprünglichen Gruppe einläutet: Leute, die vorher zusammengelebt haben, stehen sich auf einmal als BesetzerInnen und GenossenschafterInnen gegenüber und leben dennoch im selben Haus – oder versuchen es zumindest. Die Verhandlungen über die Übernahme der Liegenschaft im Baurecht scheitern nach einem Jahr am Preis. Die zwei Gruppen haben sich inzwischen heillos zerstritten. Im Frühling 97 verlassen die letzten Leute das Haus und gehen ihrer Wege.

Die Genossenschaft Dreieck existiert nach wie vor. Sie erwirbt sogar zusätzlich eine benachbarte Liegenschaft, um auch diese der Spekulation zu entziehen. Der sorgfältige Umbau ist inzwischen abgeschlossen. Einzig zwei Häuser müssen abgerissen werden.

Nach dem definitiven Scheitern von ‚Karthago am Stauffacher‘ (> Teil 6) versuchen die PromotorInnen in Altstetten ein Stück städtisches Land im Baurecht zu übernehmen. Der Gemeinderat bewilligt das Geschäft, doch der SVP reicht allein der Name ‚Karthago‘, um mit einer groben Schmutzkampagne eine städtische Volksabstimmung zu erzwingen, die sie dann auch für sich entscheiden kann.
1997 ist es dann soweit: KünstlerInnen haben in Zürich-Wiedikon ein leerstehendes Bürogebäude während zwei Jahren zwischennutzen können. In dieser Zeit gelingt es den ‚Karthago‘-PromotorInnen, diese Liegenschaft zu erwerben. Von den grossen Träumen überlebt - neben grossen Wohnungen - eigentlich nur die Idee der Gemeinschaftsküche. Diese stellt dafür ein umso wichtigerer Treffpunkt dar.  

Die Situation auf der Gasse eskaliert weiter. Die Szene etabliert sich auf den Geleisen des ehemaligen Bahnhof Letten unterhalb des Schindlerguts und der Gassenküche. Mit dem Kampf gegen die Dealer wird eine weitere Verschärfung des Asylrechts legitimiert: Die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht. Bezeichnenderweise ist die Zustimmung im Kreis 5 landesweit am tiefsten. Die direkt Betroffenen wissen am besten, dass sich die Situation nur mit einer grundsätzlichen Änderung der Drogenpolitik wirklichändern wird. Mit der Räumung des Letten-Areals im Februar 1995 werden endlich die Weichen der Zürcher Drogenpolitik umgestellt: Neben der andauernden Repression entstehen nun Gassenzimmer, wird die Heroinabgabe eingeführt und die medizinische Betreuung beginnt zu greifen.