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TEIL 3

Wir vernetzen die ganze Stadt

Frühling 1985 – Ende 1987

Quartierzentrum Kanzlei
Das Häusernetz
Schmiede Wiedikon
Annaburg

Das Schulhaus Kanzlei war wegen rückläufiger SchülerInnenzahlen seit längerem nicht mehr gebraucht worden. Zuletzt war es von Klassen der Kunstgewerbeschule genutzt worden. Nun plant der Stadtrat, hier einen Polizeiposten mit Einstellhalle für die Fahrzeuge einzurichten. Dagegen regt sich im Quartier ein breiter Widerstand.
Der Verein ‚Kanzleitreff’ entsteht, der die Forderung nach einem Quartiertreff mit einer Volksinitiative unterstreicht. Diese wird im Herbst 83 dem Stadtrat übergeben.
Nach langwierigen Verhandlungen beginnen sich im Sommer 84 verschiedene Gruppen im Kanzlei einzurichten,
Die ehemalige Spuntengruppe ‚Levante’ des AJZ begehrt die Turnhalle, um dort eine alkoholfreie Beiz einzurichten - ohne Konsumationszwang.
Ein gemeinsamer Treffpunkt, der genug gross ist, um auch Konzerte und Feste zu veranstalten – das mobilisiert die Leute.
Am 17.1.85 versuchen sie, in der Halle eine Bar einzubauen. Die Polizei greift ein, räumt und schliesst. Ein langjähriger Tanz um die Nutzung der Turnhalle beginnt.

Das ‚Häusernetz’: 1986 gibt es über die ganze Stadt verteilt ein halbes Dutzend Orte, an denen – meist in mehreren Häusern – grössere Gemeinschaften lebten: Die Höschgasse (25 Personen), die Badenerstrasse (20), die Schmiede Wiedikon (20), die Hüttisstrasse (40), die Albisstrasse (6), das Dreieck (50). Farbige Aktionen prägen das kurze, aber intensive Jahr dieses Netzes – neben heftigen internen Auseinandersetzungen, die auf der Annaburg schliesslich auch zum traumatischen Bruch führen.

Die BewohnerInnen der Höschgasse ziehen Ende Juli 87 auf die Wiese bei der Schiffswerft in Wollishofen. Zuvor haben sie sich mittels Miet-Erstreckung, Baurekursen und Auszugsboykott gegen den geplanten Abbruch gewehrt. Zwei Monate leben sie in ihren Zelten und Hütten. Die Besetzung des Ausflug-Restaurants Annaburg  auf dem Uetliberg stellt den letzten Versuch dar, als Gruppe zusammenzubleiben – er überdauert die Räumung nicht. Eine kleine Gruppe nimmt im Herbst 88 einen erneuten Anlauf und besetzt mit anderen Leuten zusammen das Cafe Meyer an der Limmatstrasse im Kreis 5 (> Teil 4). Sie werden nach einem knappen Monat geräumt. An der  Folgebesetzung im Frühling 89 an der Limmatstrasse 217 (> Teil 5) nimmt nur noch ein Teil der Gruppe teil. Die übrigen beteiligen sich massgeblich an der Besetzung der Liegenschaften an der Friedensgasse in Zürich-Selnau (>Teil 5 und 6).


Am Beispiel der BewohnerInnen der Hüttisstrasse wird der Uebergang vom Mieten zum Ergreifen juristischer Mittel (Mieterstreckung und Auszugsboykott), die Gründung eines Vereins zur Haussuche, bis hin zur Besetzung von leerstehenden Häusern und einer brachliegenden Wiese aufgezeigt. Im Sommer 87 gründen die BewohnerInnen den Verein ‚Hausruck’ und beginnen mit der Suche nach geeigneten Ersatzobjekten. Ihre Bemühungen bleiben erfolglos. So kaufen sie im Herbst 89 von den SBB ein Dutzend ausrangierte Postwägelchen der Bahnpost und bauen diese zu kleinen Wohnwagen aus (>Teil 6). 


Das Dreieck Zweier-/Gartenhof-/Ankerstrasse in Zürich-Aussersihl:
Ehemalige BesetzerInnen des Stauffachers setzen sich im Herbst 86 zusammen mit anderen MieterInnen dafür ein, dass das Gebiet nicht im Rahmen eines städtischen Pilotprojektes  wiederbelebt – und somit abgerissen – sondern sanft renoviert wird und in seiner Grundstruktur erhalten bleibt. Sie haben Erfolg und verwalten heute ihre Häuser in Form einer Genossenschaft selber. Auch für die Renovationen, Um- und Neubauten sind sie selber verantwortlich (> Teile 5 und 9).

Die Schmiede Wiedikon ist ein weiteres Beispiel eines langjährigen Quartierwiderstandes zur Erhaltung einer markanten Häusergruppe.
Der Verein ‚Pro Schmiede Wiedikon’ versucht bereits 1980 mittels einer Volksinitiative und Rekursen den drohenden Abriss zu verhindern – wie so oft erfolglos. Im Frühling 84 wird die Initiative von den StadtzürcherInnen knapp abgelehnt. Ein Anwohner, der danach gegen das  Bauprojekt Rekurs einreicht, wird von der Bauherrschaft bestochen, einem anderen wird gekündigt.
Im Herbst 86 führt der bevorstehende Abriss eines Teils der Häuser zur Gründung des Häusernetzes. Die BewohnerInnen verhindern mit starker Unterstützung befreundeter Leute  den Teilabbruch zweimal. Beim dritten Mal riegelt am 11.11.86 ein Grossaufgebot der Polizei die Häuser bereits in den frühen Morgenstunden weiträumig ab und ebnet den Baggern den Weg.
Die Räumung der besetzten Häuser im Juni 87 ist ebenfalls legendär: Die BesetzerInnen seilen sich an den eindringenden Polizeigrenadieren vorbei ab und flüchten durch den Keller. Sie entkommen im selber gelegten Rauchteppich.