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TEIL 5

Alles ist machbar

1989 – Mai 1990

Wohnungsnotbewegung
   - Köchlistrasse 22
   - Ankerstrasse 124
   - Limmatstrasse 217
   - Zweierstrasse 49/51
das Dreieck
Refugien der Asylbewegung
Tante Adelante
Gassa nostra
Friedensgasse

Die Wohnungsnot ist akut. Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Ausser 1 Notschlafstelle sind alle Angebote gestrichen worden. Um die dringenste Not zu lindern stellt das Sozialamt Wohncontainer vor der Gassenküche auf (> Teil 4).
Die Wohnungsnot betrifft breite Bevölkerungskreise. Anfang 89 werden politische Parteien und verschiedene Organisationen wie der Mieterverband aktiv und lancieren für mitte März ein Aktionswoche unter dem Motto ‚Wohnen tut Not’.
Aus einer wöchentlichen Protestaktion am Hirschenplatz entwickelt sich innert kürzester Zeit eine starke Wohnungsnotbewegung.
Anschliessend an die Gross-Demonstration vom 18. März wird ein Haus an der Köchlistrasse 18 besetzt. Diese Besetzung stellt einen markanten Wendepunkt dar. Der Charakter der Hausbesetzungen verändert sich:
Bis zu diesem Moment war es vor allem eine Angelegenheit eingeweihter Szenenkreise, nun können und dürfen alle besetzen. Wohl werden die Häuser auch zu Beginn meist schnell geräumt. Aber wenn die Besitzer sie weiterhin leer stehen lassen, werden sie bis zu drei Mal wieder besetzt.
Noch vor den Sommerferien gibt der Stadtrat bekannt, dass er dem Genfer Modell folgen will. D.h., Häuser werden erst geräumt, wenn eine Baubewilligung vorliegt. Keine Räumungen auf Vorrat. Zum ersten Mal ist es möglich, dass in besetzten Häusern mehrere Monate oder länger gelebt werden kann.
Knapp zwei Jahre nachdem die meisten der grösseren Lebensgemeinschaften aus ‚ihren’ Häusern vertrieben worden waren (> Teil 3), entstehen so neue Kultur- und Lebensräume. Zeitlich beschränkte Freiräume, Uebergangslösungen, die sich aber immer wieder von neuem finden und entwickeln – bis heute.
In den besetzten Häusern entstehen immer wieder Gemeinschaften, die versuchen, die politischen Forderungen auch im Zusammenleben umzusetzen. ‚Weg mit der Psychiatrie’, ‚Schliessung aller Gefängnisse’, ‚Legalisierung aller Drogen’, ‚Gleichberechtigung von Mann und Frau, Schwulen und Lesben’, ‚Keine Macht für niemand’ sind in den besetzten Häusern nicht bloss Schlagworte, sondern bilden die Grundlage für das alltägliche Zusammenleben. Die Uebergänge zwischen Gasse und Politszene sind in vielen Häusern fliessend. Personen mit psychischen Problemen oder jene, die verschiedene Drogen konsumieren (Alkohol, Marihuana, Heroin, Kokain, etc.) werden nicht automatisch ausgestossen – auch für sie sollen dieselben Regeln gelten wie für alle anderen.

Die Köchli-, die Zweier- und die Limmatstrasse stehen stellvertretend für die Dutzenden von Hausbesetzungen 1989/90. Sie sind auch exemplarisch dafür, dass die BesetzerInnen immer häufiger mit Vertretern des Sexmilieus konfrontiert sind – ein Grossteil der besetzten oder umkämpften Häuser gehört Strohmännern aus diesem Umfeld.

Die BewohnerInnen des Dreiecks packen die Chance, die sich ihnen bietet:
Gegen Ende des Jahres 88 haben  die BewohnerInnen gehört, dass im Herbst 89 der Gemeinderat über den Projektkredit für die neue Ueberbauung des Dreiecks entscheiden wird. Einige BewohnerInnen realisieren, dass sich hier die Möglichkeit bietet, mit einem eigenem Projekt gegen die Pläne der Baubehörden anzutreten und ernsthaft zu versuchen, die Häuser selber sanft renovieren zu können.
Den Winter verbringen sie mit der Ausarbeitung detaillierter Renovations- und Umbaupläne. Von diesen Arbeiten profitieren im März 89 auch die BesetzerInnen der benachbarten Köchlistrasse: Nur dank der Unterstützung dieser ArchitektInnen können sie so schnell professionelle Umbaupläne präsentieren.
Die Herausgabe der Dreiecks-Zeitung am 1. Mai 1989 stelle den Startschuss für etwas noch nie dagewesenes dar:
Der Verein Dreieck leistet sich eine bezahlte Sekreatariatsstelle. Ein ehemaliger Hausbesetzer lobbyiert den ganzen Sommer hindurch bei den Gemeinderäten und erreicht, dass der Gemeinderat den Projektkredit ablehnt.
Somit steht die Türe offen für das Projekt der BewohnerInnen des Dreiecks. 

Einmalig am Frühling 89 ist, dass sich der Widerstand in verschiedenen Bereichen kraftvoll ausdrückt. Unterschiedliche Gruppierungen unterstützen einander. Verschiedene Formen der Besetzung werden angewandt:

Die Asylbewegung geht mit der Gründung verschiedener Refugien in die Offensive

Frauen begehen das Jubiläum zu 20 Jahren FBB (FrauenBefreiungsBewegung) damit, dass sie die alte FBB beerdigen und zu Aktionen unter dem Motto ‚Frauen bildet Banden’ aufrufen. Als erstes besetzen sie für ein paar Tage ein Haus an der Schmidgasse im Niederdorf.

Die Arge Platzspitz ist nicht nur am Platzspitz äusserst aktiv (tägliche Kochgruppe, häufige Präsenz), sondern beteiligt sich an den Aktionswochen ‚Gassa Nostra’. Dieses Jahr steht die von den GassenarbeiterInnen der ZAGJP organisierte Veranstaltungsreihe unter dem Motto ‚Kultur auf der Gasse’.