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TEIL 8

Sonne im Hof

1993 / 1994

AKW Wohlgroth
Heinrichstrasse 137
Besetzungen 1994

Die AKW Wohlgroth ist in der Zwischenzeit massiv gewachsen. Die BewohnerInnen der umliegenden Häuser sind im Frühling alle ausgezogen. Die Häuser stehen nicht lange leer und im Frühsommer 93 leben gegen 120 Personen in der AKW Wohlgroth. Es ist allen klar, dass das Ende näher rückt und die BesetzerInnen sind  den ganzen Sommer und Herbst sowohl in den Medien als auch auf der Strasse präsent mit farbigen und phantasievollen Aktionen und Stellungnahmen.
Die Räumung können sie dennoch nicht verhindern. Das Angebot von Bührle-CEO Widmer, in eine kleine Fabrik in Zürich-Nord umzuziehen, lehnen sie dankend ab. Stattdessen geben sie die Schlüssel in einer spektakulären Presskonferenz an andere Theatergruppen weiter.

Nach der Schleifung der Wohlgroth nehmen die Hausbesetzungen wieder stark zu - gezwungenermassen. Trotzdem gibt es in der zweiten Hälfte der  90er Jahre nur noch einzelne besetzte Häuser - grössere besetzte Kulturräume fehlen ganz. Erst mit der Belebung des Glacegartens im ehemaligen Steinfels-Areal gibt es 1999 erstmals wieder einen öffentlichen Treffpunkt – wenn auch nur für ein paar Wochen. Doch daraus wächst die Lust nach mehr und an Ostern 2001 wird das Ego-City an der Badenerstrasse besetzt - ausdrücklich als Kulturraum – und seither gibt es in Zürich ständig mindestens einen grösseren Kultur-Squat. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

Unmittelbar vor der Wohlgroth-Räumung richtet sich ein Teil der Vertriebenen an der benachbarten Limmatstrasse 28 ein (ehemaliges Cafe Meyer -> Teil 4, danach Tagesraum für Obdachlose TARO).
Dort leben sie bis anfangs Juli 94. Weitere Folgebesetzungen finden an der Wittikonerstrasse 55, der Steinwiesstrasse 1, der Bellariastrasse 30, der Wehnthalerstrasse 115, am Seilergraben 41 statt. Noch längere Zeit besetzt bleiben das Ambiance an der Konradstrasse 71 und die Häuser an der Konradstrasse 15/17 im Kreis 5.

Den BewohnerInnen der Heinrichstrasse 137 erreichen, dass die Stadt nach dem Bankrott des Spekulanten Von Känel die Liegenschaft übernimmt: Die städtische Stiftung PWG schliesst mit den BewohnerInnen nach zermürbenden Verhandlungen Einzelmietverträge ab. Die BewohnerInnen erleben in aller Schärfe die Höhen und Tiefen der Legalisierung. Doch waren ihre Bemühungen wenigstens von Erfolg gekrönt: Die Heinrichstrasse wird noch heute (2009) als kollektiver Wohnraum genutzt.

Andere Gruppen - wie z.B. die Hüttisstrassengruppe an der Ernastrasse 20 - haben weniger Erfolg. Sie scheitern nach detaillierten Verhandlungen – ebenfalls mit der PWG -  an der Höhe des Baurechtzinses.
Die Hüttisgruppe lebt seit dem Herbst 93 im ehemaligen Hotel Ascona in Zürich Wiedikon. Hier bleiben sie weitere 1 1/2 Jahre. Als sich das Ende abzeichnet, besetzen einige Leute ein Haus an der Ernastrasse in Zürich-Aussersihl. Eine andere Gruppe, welche nach wie vor auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus ist, bietet der Besitzerin PWG – einer städtischen Stiftung – die Uebernahme des Hauses im Baurecht an. Diese Gruppe zieht mit Beginn der Verhandlungen ebenfalls an der Ernastrasse ein. Dieser Spagat stellt eine Zerreissprobe dar, die das Ende dieser Gruppe einläutet: Leute, die vorher zusammengelebt haben, stehen sich auf einmal als BesetzerInnen und GenossenschafterInnen gegenüber und leben dennoch im selben Haus – oder versuchen es zumindest. Das Scheitern der Verhandlungen nach 11/2 Jahren stellt im Frühling 96 dann auch das definitive Ende dieser Gruppe dar.

Die Genossenschaft Dreieck existiert nach wie vor. Sie erwirbt sogar zusätzlich benachbarte Liegenschaften, um auch diese der Spekulation zu entziehen. Der sorgfältige Umbau ist inzwischen abgeschlossen. Neben Renovationen lässt sich aber der Abriss von zwei weiteren Häusern nicht verhindern.

Nach dem definitiven Scheitern von ‚Karthago am Stauffacher‘ (-> Teil 6) versuchen die PromotorInnen in Altstetten ein Stück städtisches Land im Baurecht zu übernehmen. Der Gemeinderat bewilligt das Geschäft, doch der SVP reicht allein der Name ‚Karthago‘, um mit einer groben Schmutzkampagne eine städtische Volksabstimmung zu erzwingen, die sie dann auch für sich entscheiden kann.
1997 ist es dann soweit: KünstlerInnen haben in Zürich-Wiedikon ein leerstehendes Bürogebäude während zwei Jahren zwischennutzen können. In dieser Zeit gelingt es den ‚Karthago‘-PromotorInnen, diese Liegenschaft zu erwerben. Von den grossen Träumen überlebt - neben grossen Wohnungen - eigentlich nur die Idee der Gemeinschaftsküche. Diese stellt dafür einen umso wichtigeren Treffpunkt dar.