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ORIGINALTEXTE

Stilett Juni 1979

 Â«Am 26. Mai hörte man ‚Züri brännt’ mitten auf der Langstrasse, 300 Meter von den Boxen weg: die Ratzen waren für einmal aus den Sälen ausgebrochen und hatten die hohlen Strassen Zürichs mit ihrem Song gefüllt. Wie war es dazu gekommen?


Einige Leute im Kreis 4 (sie haben im letzten Winter zweimal die Langstrassen-Unterführung verbarrikadiert) hatten sich vorgenommen, den schwachsinnigen Stadtplanern und ihren eigenen Quartier-Mitbewohnern den Wink zu geben, dass sich nicht jede gerade Strasse in der Stadt zur Rennbahn ausbauen lässt. D.h. vor einem solchen Ausbau ein Stück Hohlstrasse für die Menschlichkeit zurück zu erobern.


Zur Zeit wird nämlich der Hardplatz mit Rampen und allen Schikanen verkehrsgerecht saniert; in ein paar Jahren soll auf dem Kasernenareal ein Parkhaus für 6’000 Autos gebaut werden; die Hohlstrasse wird dann die kürzeste Verbindung von der Westtangente, mitten durchs Wohnquartier zum Mammutparkhaus.


Die genannten Leute haben frühmorgens in einem Wald nahe Zürichs vier Bäume ausgegraben und im Sihltal einen Lastwagen voll Walderde geholt. Autowracks gibt’s in der Stadt genug. Punkt 4 Uhr nachmittags wurden drei abgetakelte Döschwos in einer Reihe quer über die Hohlstrasse gestellt, ihre Räder abgeschraubt, mit Erde gefüllt und schliesslich mit den Bäumen bepflanzt. Die Ratz und die Niederdorf-Rock-Gruppe installierten währenddem hinter dieser Barrikade ihre Anlage – und nach kurzer Zeit ging das Festival los, an dem schon bald 400 Leute mitmachten.
Zuvor geklaute Polizeiabschrankungen, Abbiege- und Umleitungssignale, sowie mit quergestellten Wagen verstopfte Seitenstrassen sorgten dafür, dass das Fest bis gegen zwei Uhr morgens problemlos über die Strasse ging.


Die Action und ihr Verlauf waren neu für Zürich, ihr Erfolg fordert zur Nachahmung auf. Für ein nächstes Fest, ein nächstes Konzert: vergesst den Bewilligungsscheiss und die teuren Saalmieten. Sucht ein schönes Stück Strasse aus, wo ein paar gute Freunde wohnen (die Verstärker etc. brauchen schliesslich Strom), baut eine hübsche, verkehrsgerechte Barrikade und macht die Sache so bekannt, dass auch wirklich ein paar hundert Freaks von Anfang an auf dem Platz sind. Dann hindert euch nichts mehr zu zeigen, wem die Strasse denn eigentlich gehört.»

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Stilett 58 – April 1981

«Es herrschte ein schreckliches Durcheinander, so ziemlich alles, was kaputt gemacht werden konnte, lag in Trümmern. Die Bullen, die hier in letzter Zeit gehaust hatten, mussten ganz schön ausgefreakt sein.


Doch schon kurze Zeit später war die alte Ordnung wieder hergestellt. Die rasende Renovationsgruppe hobelt und hämmert wieder, in der Tagesküche ist der Hilfskoch zum unumschränkten Brigadengeneral aufgestiegen; ganz fürchterlich dröhnt sein Gebrüll hinter Pfannen und Töpfen hervor und auch unsere Alkis sind wieder daran, sich mit buchhalterischer Akribie vollaufen zu lassen.


Bettlägerig und matt wie immer, kuscheln sich die hohlwangigen Junkies ums Kaminfeuer und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Einer vom Brandschutz hat sich irgendwo einen Feuerwehrhelm aus dem dreissigjährigen Krieg gegabelt und macht nun im Asbestanzug und mit dem Feuerlöscher die schmuddelige Ruhe des Sleep-Ins unsicher.


Alles ist wieder da, alles läuft wieder. Vielen wird erst jetzt klar, wie wichtig dieses AJZ für uns war und ist. Wichtig als Treffpunkt, als Zentrum der Kommunikation, als Brutstätte umstürzlerischer Aktionen gegen Staat und Institutionen. Uns fröstelt, wenn wir zurückdenken an die kalten, dunkelschwarzen Winter-Monate nach der Schliessung, als wir uns immer mühseliger von VV zu VV schleppten, als wir ums nackte Überleben kämpften, als wir uns gegenseitig anzufeinden begannen. Nur die Wut war uns geblieben, denn die Phantasie, die Kreativität, die Freude am Unruhe stiften drohte zu erfrieren, und die Wut allein führt unweigerlich zum politischen Bierernst, zur Dogmatisierung, zur Eingleisigkeit.


Es wird auch weiterhin Demos geben, es wird krawalliert werden, dass ihr euren Augen nicht mehr traut. Im grossen Stil werden Häuser besetzt werden, und wir machen einen höflichen Knicks vor euch und bedanken uns höhnisch grinsend für das wiedereröffnete autonome Jugendzentrum.


Mit eurer Politik habt ihr keine Chance mehr, ihr seid zum heulen und zum totlachen ... Glauben tun wir Euch schon lange nicht mehr.»

Stilett 82 – Dezember 1981

«Liebe Leser, Gaffer, Hänger, arroganter Militanter, Motzer, Meinungsanarcho und Staatenloser, manches in dieser Nummer wird dir nicht gefallen. Das lässt uns kalt, und stört uns nicht. Ihr reklamiert ohnehin zu viel und tut zuwenig. Uns stört auch nicht, dass in Zürichs Gassen das Demo-Demo Gebäll nicht mehr ertönt. Wem nichts besseres einfällt als ein Demo-Dauerlauf mit anschliessendem Katz-und-Maus-Spiel mit den Kürassieren, um sich dann in die weinerliche Pose des Repressionsopfers zu werfen, setzt seine Ohnmachtsgefühle zwar in Action um, bleibt aber beschränkt in seiner Denk- und Reaktionsfähigkeit. Die vielbemühte Phantasie kann nicht als Routine empfohlen werden.


Kein Vertrauen in die Solidarität? Schön wär’s, aber das Eis auf das man da treten sollte, ist leider meistens dünn, und man plumpst reihenweise ins Wasser. Wir haben rund um und im AJZ unsere Erfahrungen machen können mit Linken verschiedener Couleur. Nein, Illusionen haben wir uns nie gemacht. Wir sind noch gesund und wohlbehalten. Wir haben hunderte von Schlappschwänzen und Sympis kennengelernt, wer beleidigt sein will, soll sich keinen Zwang antun. Mit ihren Ausreden könnte man ganze Stilett-Nummern füllen. Ein rühr-mich-nicht-an Verein von Stubenhockern, Puffbrüdern und Lämpentanten, die ständig bedauern, die Bewegung sei zerschlagen, wegen den Spaltungen, ein fast unausstehlicher Mimosenklub, zu denen wir mit Verlaub, auch gehören. Wir haben ein wenig genug davon, für euch Marroni zu braten, eure öffentliche Vorstellung ist eine schlechte Show.


Das Finanzjahr AJZ 1982 ist keineswegs gesichert; lasst euch nicht täuschen, seid auf der Hut. Das Geld ist noch nicht locker, wir müssen noch die deutliche Stimme des Gemeinrates hören. Die autonome Gruppenbürokratie AJZ mit ihren vielfältigen Interessen wird ihre schlecht honorierten Pöstchen nicht so schnell räumen. Man ahmt den Staat auch im Nichtstun, Geldverschwenden und sich nicht in die Karten blicken lassen nach.


Wir hoffen, dass es niemandem gelingen wird, in vierzehn Tagen den anstrengenden, nervenden Irrsinn zu organisieren und hoffen sogar, dass es manchmal langweilig, langfädig, ermüdend sein wird. Wir möchten nämlich doch an einem Ort mitschaffen, wo man auch Menschen treffen, ansprechen und lieben kann. Es gibt viele Scheue, Depressive, Ängstliche, die sich still verdrücken, wenn die Arroganten und Lärmigen das Feld immer beherrschen. Staunt nicht, dass ihr nicht im Dauerverfahren mit elektronischem Terror berieselt werdet. Und macht bitte nicht immer Lämpen, wenn man findet, man könne sich jetzt auch in die Federn schlagen, und endlich der langen Nacht ein Ende machen.


Auch wir beanspruchen das Recht, so richtig gemein und unsolidarisch zu sein, wie es Landessitte ist, vor allem für Beamte. Auch wir sind so streitsüchtig, unausstehlich und opportunistisch wie ihr. Da oben und ringsherum. Auch wir wollen endlich «Arschlöcher» sein, das ist nicht euer Privileg. Und oft fragen wir uns: Mit wem sprechen wir eigentlich? Wir wissen es nicht. Am liebsten möchten wir euch eine heisse Omelette ins Gesicht knallen, zu unser aller Schadenfreude.»

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Auszüge aus dem Schlussbericht der AJZ-Trägerschaft, Sommer 1982

«Nach zehn Monaten der Auseinandersetzungen ist das AJZ ab dem 03.04.81 wieder offen. Die erste grosse Aufgabe heisst bauliche Instandstellung und Umbau. Umbaupläne sind vom Vorjahr her vorhanden. Vertreter der Architektengruppe ZAS erstellen einen Kostenvoranschlag und bieten fachliche Beratung an.
Bauarbeitsgruppen machen sich anfänglich ohne eigentliche Baukoordination ans Werk. Das ganze wird eine grosse Baustelle, auf der im Verlaufe der Zeit rund 650 Leute arbeiten. Diese haben die unterschiedlichsten Voraussetzungen: Schüler und  Studenten, die etwas verdienen wollen; Drop-outs, die sich hier akzeptiert fühlen; Fachhandwerker, die ihr Wissen und Können zur Verfügung stellen; Aussteiger, die eine passende Arbeit suchen.


Die Vollversammlung legt den Stundenlohn für alle auf CHF 15.– fest; doch erhält jeder pro Tag höchstens 6 Stunden ausbezahlt.

Gleichzeitig mit dem Baubeginn fängt auch der Betrieb des AJZ an. Betriebsarbeitsgruppen, welche noch von der ersten Öffnungszeit bestehen, nehmen ihre Arbeit wieder auf, andere Arbeitsgruppen bilden sich. Bald funktioniert der Verpflegungsbetrieb, verschiedene Gruppen nehmen sich der Information an oder führen kulturelle Veranstaltungen durch (Filme, Theater, Konzerte, etc.). Drogengruppe, Sanitätsgruppe, Kurvengruppe, Sleep-in-Gruppe nehmen sich der Sozialprobleme an. Gesamthaft entstehen 17 Arbeitsgruppen mit durchschnittlich 10 Mitgliedern.

Je mehr die Ausbauarbeiten ihrem Ende entgegen gehen, umso deutlicher sind die Arbeitsgruppen die eigentlichen Träger des Betriebs. Sie leisten neben ihrer Aufgabe als Kontaktpersonen für die Besucher all die Arbeiten, die in einem nicht selbstverwalteten Jugendzentrum den verschiedensten Angestellten übertragen sind (Sozialarbeiter, Animatoren, Haushaltangestellte).

Die Arbeit, die geleistet werden muss, lässt sich abschätzen, wenn man weiss, dass während der warmen Jahreszeit an Wochentagen zwischen 600 und 1000 Besucher gezählt werden. An Wochenenden erhöht sich diese Zahl bis auf 3000.

Zudem erweist sich die interne Abmachung, keinen vom Zentrum auszuschliessen, als Überforderung. Besonders die Devise «Fixer ja – Dealer nein» entpuppt sich als Illusion. Jugendliche Ausreisser, Alkoholiker und Drogenabhängige finden sich in grosser Zahl ein, fühlen sich hier einigermassen akzeptiert und vor Zugriffen durch Behörden und Polizei sicherer als anderswo.

Das AJZ wird immer mehr zum Indikator ungelöster Sozialprobleme in der Stadt Zürich. Junge und auch ältere Obdachlose nisten sich irgendwo im verwinkelten Fabrikgelände ein und werden zu Daueraufenthaltern. Drogenkonsum und Drogenhandel florieren, der Handel aber wird von Zentrumsbenützern unter grossen persönlichen Risiken immer wieder bekämpft.

Friedliche Weihnachten ohne Zukunft. Die aktiv werdende Drogengruppe bringt einen neuen Vorschlag ins Gespräch: Den Heroinabhängigen soll künftig innerhalb des AJZ ein spezieller Raum zur Verfügung stehen, in dem sie ihren Stoff in aller Ruhe prüfen und spritzen können und mit ihrer Sucht zuerst einmal akzeptiert sind.
Eine grossangelegte Drogeninformationswoche im Januar 82 soll das gesamte Problem umfassender beleuchten, mehr Klarheit und ein breiteres Problembewusstsein schaffen.

Teils aus idealistischen Motiven, teils aus ideologisch verbrämten Hinterabsichten, vermischt mit versteckten Eigeninteressen, hat aber die Drogengruppe bereits nach Weihnachten die Eröffnung des Drogenraumes durchgesetzt.

In Fixerkreisen findet das Experiment Anklang und erfreut sich eines ausserordentlichen Zustroms. Innert kurzer Zeit stellen sich die Händler auf diese neue Möglichkeit ein, fahren vor und wagen sich unverblümt ins Zentrum. Die selber heroinabhängigen Kleindealer werden ausgeschaltet, die Preise sinken, der Fixerkomfort steigt.

Das Fixerraum-Experiment nimmt eine Eigendynamik an, die einzig bestimmt ist durch Angebot und Nachfrage. Die von der Drogengruppe zurechtgelegten Ansätze zur Selbsthilfe kommen nicht zum Tragen, abgesehen von sachgerechten Hilfeleistungen bei Überdosierungen.

Ab Februar 82 ist es immer ausschliesslicher die Fixerszene, die das Geschehen beherrscht. Gesprächsfetzen: Suchst du Stoff? Nein. Verkaufst du Stoff? Nein. Was tust du denn hier?

In dieser Situation wirkt die Feuersbrunst vom 6. Februar erst recht deprimierend und lähmend: Ausgebrannt sind u.a. der Kreativitätsraum, der Übungsraum und das Teestübli im ersten Stock. Diese sind eben fertiggestellt worden und hätten den Betrieb am folgenden Wochenende aufnehmen sollen.

Trotz allem bleiben einige unverwüstliche Idealisten zurück. Einige führen das Sleep-In weiter. An der Koordinationsgruppensitzung wird ein letzter Anlauf genommen: Man beschliesst, den Betrieb nur noch über Wochenende und bei geplanten Aktivitäten offen zu halten. Zur Durchsetzung dieses Beschlusses aber fehlen Elan und Kraft. Es gelingt nicht mehr, das Abhängigenzentrum zurückzugewinnen.

Da der Maschendrahtzaun, der das Gelände gegen Dealer und Fixer absperren soll, immer wieder durchschnitten wird, zieht die Trägerschaft die letzte Konsequenz und tritt am 17. März vom Vertrag mit der Stadt Zürich zurück.»

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Karthago, April 1986

«Die Lösung der globalen Probleme muss dort beginnen, wo wir uns befinden – in der Stadt, im Alltag, morgens um 7 Uhr. Und unsere Lösungen müssen sofort zu verwirklichen sein, überall möglich und zukunftsverträglich. Natürlich kann Karthago, so wie es uns vorschwebt nur an der Sihl verwirklicht werden, aber von der Struktur her ist es auch am Kongo, Amazonas, Mekong oder an der Limmat möglich.
Kurz zusammengefasst beinhaltet Karthago folgendes:

 

> Die Liegenschaften am Stauffacher werden sanft umgebaut und wieder bewohnbar gemacht.

 

> In Karthago sollen etwa 100 Leute zusammen leben, wohnen und zum teil auch arbeiten. Zu diesem Zweck werden Parterre, Hinterhof und Dach als Gemeinschaftsräume benutzt.

 

> Zu Karthago gehört ein Bauernhof von etwa 17 Hektaren. Dieser Hof produziert mit der Mithilfe der KarthagerInnen (?) den grössten Teil der Lebensmittel.

 

> In Karthago gibt es Werkstätten für die eigene Produktion. Die Produkte werden intern verbraucht oder, wenn möglich im Naturaltausch, gegen Produkte aus anderen Projekten oder von EinzelproduzentInnen ausgetauscht.

 

> In Karthago hat es Raum für mindestens 10 Gäste aus aller Welt, die dort gratis wohnen können. Karthago ist energetisch ein Gesamtsystem. Umgebungswärme, Sonnenenergie, Wind usw. werden genutzt.

 

Das sind die wichtigsten Aspekte unseres Projektes. Auf keinen kann verzichtet werden, wenn nicht das Ganze sinnlos werden soll. Es ist gerade das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente und Lebensdimensionen, dass das Neue ermöglicht. Karthago kann auch sofort realisiert werden. Der Umbau könnte heute schon beginnen.

 

Wir wollen in Zürich leben. Wir wollen in der Stadt bleiben. Weil wir in der Stadt am weltweiten Austausch von Ideen, Produkten und Kultur beteiligt sein können. Weil die Stadt Heimat und Welt in einem sein kann. Ein Feld der Begegnungen der Fremden und der Freunde. Leider verliert Zürich diese Qualitäten von Jahr zu Jahr. Im letzten Jahrzehnt hat Zürich 80'000 Einwohner verloren. Gewonnen hat der Verkehr der täglich ein und aus brausenden Autos. Die Bodenpreise sind explodiert, die Wohnungssuchenden verzweifeln, während die Miete einen immer grösseren Teil des Lohnes wegfrisst. Unsere Kinder husten, die Geschäfte florieren, etwas läuft schief. Kein Wunder, dass viele sich ihr Leben auf dem Land einrichten wollen. Wir nicht.»

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Kanzlei Mai 89 Kritischer Rückblick – Auszüge aus Lora-Sendung

Im Mai 89 hatten drei Frauen und ein Mann kritisch auf die ersten Betriebsjahre des Kanzlei-Zentrums zurück geblickt. Einige Auszüge aus der zweistündigen Lora-Sendung:

«Die verschiedenen Interviews, die wir mit den Leuten auf dem Kanzleiareal geführt haben, haben folgenden – in Anführungszeichen – utopischen Ansatz ergeben:

1. Verhinderung der Polizeikaserne, die auf diesem Areal geplant gewesen ist.

2. Schaffung von Räumen, die frei sind von jeglicher Reglementierung: Es gibt natürlich die Koordinationsgruppe und die nimmt eine gewisse Reglementierung der Räume vor und was in den Räumen passiert.

3. Selbstverwaltung: Das Quartierzentrum Kanzlei ist nicht selbstverwaltet, sondern die Koordinationsgruppe und das Team verwalten das Kanzlei nach den Vorstellungen der Präsidialabteilung, welche sich ihrerseits mit ihren Vorschriften und Vorgaben nach ihrer Idee der politischen Akzeptanz und Machbarkeit richtet.

4. Leben ohne hierarchische Strukturen – Vollversammlungen, Koordinationsgruppen: Überall gibt es immer wieder Probleme mit der eingeschlichenen, tolerierten und ausgeübten Hierarchie, aber im Kanzlei herrscht das Problem, dass das nicht mehr hinterfragt wird.

5. Die Gleichheit von Mann und Frau: Da ist zu sagen, dass diese Diskussion um Gleichheit von Frau und Mann eigentlich in einem kalten Krieg endete und kein Thema mehr ist.

«Geld und Abhängigkeit – oder ist der Mensch vor vollen Töpfen noch frei? Am Geld fehlt es in der nächsten Zeit also nicht. 2,7 Mio. Franken stehen in den kommenden drei Jahren zur Verfügung. Gar nicht so wenig, wenn man bedenkt, dass vor nicht allzu langer Zeit  das Quartierzentrum auf Solidaritätsspenden angewiesen war und das Wenige, das uns die Stadt zukommen liess,  immer wieder verzögert ausbezahlt wurde. Andererseits darf nicht vergessen werden, wie viel gleichzeitig verschwendet wird.»

«Diese Turnhalle ist degradiert zu einer Disco. Die Turnhallengruppe ist eigentlich eine Discogruppe. Wenn wir ausnahmsweise doch wieder einmal dort eine VV machen dürfen, dann gibt es kein normales Licht, sondern nur noch Discolicht. Du sitzt dann beim Diskutieren in rosaroten Scheinwerfern» – «das heisst dann halt auch discotieren». 

«Oder dass die Turnhallengruppe ohne mit der Koordinationsgruppe Rücksprache zu halten beschliessen kann, dass das Angebot an der Bar fix ist, oder wenn eine externe Gruppe die Turnhalle für ein Solidaritätsfest braucht, es dann heisst, es ist abgemacht, dass nur Turnhallenleute an der Bar arbeiten. Dass das geschehen kann, ohne dass es öffentlich oder zumindest in der Ko-Gruppe diskutiert wird, finde ich echt haarsträubend.»


«Um die Turnhalle hat es grosse Kämpfe gegeben, bei denen extrem viele Leute von aussen mobilisiert worden sind, die grosse Solidarität gezeigt haben. Es waren wirklich viele Leute solidarisch mit der Turnhalle und ich frage mich jetzt schon wie die sich jetzt fühlen müssen, respektive es ist mir klar, wie die sich fühlen. Ich würde auch nicht mehr gehen und Solidarität zeigen. Es ist jetzt einfach klar, diese Turnhalle ist jetzt im Besitz der Turnhallengruppe.»

«Das Schlimmste für mich ist - wenn ich jetzt zurückschaue – zu merken, dass wir es verpasst haben, den Kulturbegriff in Frage zu stellen – den Raumbegriff zu definieren. Wir haben leere Räume vor uns. Die haben wir zu füllen und davor drücken wir uns. Die erste Art sich zu drücken ist: einfach zu machen, machen, machen, zu produzieren und konsumieren.»


«Die Diskussion ist auch erschwert worden durch das Geld. Ganz klar. Eine traurige Erfahrung für mich, einmal mehr. Mitzubekommen, wie sich einzelne Leute wirklich korrumpieren lassen. Mit korrumpieren meine ich, es ist Geld vorhanden, Produktionsmittel. Dann fängt man an, darauf zu sitzen, man will es verwalten, mitbestimmen – oder besser gesagt: bestimmen wie mit diesen Sachen umgegangen werden soll. Es bilden sich Gruppen heraus und in den Gruppen laufen Beziehungssachen, Mechanismen ab. Die Unfähigkeit an diesem Punkt, die politische Dimension miteinzubeziehen, sich selber etwas zurück zu nehmen und über das Ganze zu reden, auch über die Ängste und die Macht, die man hat mit diesen Produktionsmitteln. Wie das gelaufen ist hat dazu geführt, dass sehr viele Leute gegangen sind, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben.»

«Es ist eine Tatsache, dass einzelne Gruppen im Kanzlei kein Geld brauchen und andere brauchen es. Es ist eine Tatsache, dass es umstritten ist. Es ist eine Tatsache, dass bei sehr vielen Leuten das Gefühl besteht, dass es da drin eine Vetterliwirtschaft ist. Ich fände es wahnsinnig, wenn nach dieser Sendung anstatt der üblichen Gehässigkeiten einmal etwas anderes entstehen würde. Wenn sich die einzelnen Gruppen wieder darauf besinnen würden, was sie warum machen – wo sind ihre Sachzwänge - mal ein Beitrag laufen würde, ein Beitrag an die politische Diskussion, wenn wir schon fast nicht mehr wagen über Utopien zu reden, dann wenigstens über unser Selbstverständnis. Oder wie wir noch leben wollen, das noch erträumen. Das finde ich vor allem nach den letzten Ereignissen in Zürich, die mir und sehr vielen Leuten sehr tief eingefahren sind, total wichtig. Wo ich es Wert finde, die Tabus, die im Moment noch bestimmend sind, auch mal zu brechen.»

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Augenzeugenberichte zur Räumung der Zweierstrasse 49-51

«Sie rissen schon einen grossen Teil des Hauses ab. Teile der Fassade fielen auf den Innenhof. Das Haus bestand nur noch aus einem Querschnitt, bei dem man alle drei Etagen sehen konnte, nur noch gestützt von zwei bis drei Aussenmauern. Dann schlug der Baggerführer mit der Schaufel in den obersten Stock, quasi in die Mitte des Hauses. Mit einem Knall brachen die drei halbierten Etagen in sich zusammen. Die Aussenmauern kippten wie Spielkarten gleichzeitig nach Aussen. Ich sah eine riesige Staubwolke, wie nach einer Explosion. Dann hörte ich Schreie. Ein Kurier ging darauf zur Polizei hin und machte sie darauf aufmerksam, dass im Hof Verletzte seien und sie sofort nach hinten kommen sollten. Die Polizei reagierte vorerst nicht, dann kam aber von einem Beamten die Antwort, dass das sowieso nur Demonstranten seien oder Leute vom Haus, die protestieren wollten und die Polizei ginge nicht nach hinten, sie hätte keinen Befehl dazu, das sei Sache der Bauleitung. Ich hörte immer noch Schreie. Ich rannte dann mit dem Kurier zur Unfallstelle, obwohl die Luft noch voller Staub war. Wir konnten nicht erkennen, was geschehen war. Dann sahen wir eine Frau, deren halber Körper mit Bauschutt bedeckt war. Sie sagte uns, es sei noch jemand anders verschüttet. Wir entdeckten dann nach weiterem Suchen einen Schuh und begannen sofort nach dem Verletzten zu graben. Ich war schockiert, dass die Polizei nach gut fünf Minuten immer noch nicht nach hinten kam. So forderte ich andere Passanten auf, die Ambulanz zu benachrichtigen. Um ca. 11.40 Uhr tauchte auf dem Dach der Zweierstrasse 53 ein Mann auf, der auf die Wohnungsnot aufmerksam machen wollte. Auf Geheiss der Polizei wurden die Bauarbeiten fortgesetzt – sein Protest war nicht mehr hörbar.


Nun reagierte ein Anwohner Ich sah, dass niemand etwas machte. Ich sagte den herumstehenden Polizisten «Mached doch öppis, suscht passiert nomal öppis». Darauf bekam ich Antworten wie «Das isch doch glich, wänn dä abägumped, dänn isch eine weniger vo dänne.» Ich ging zu einem hin, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er der Einsatzleiter war und wollte wissen, was denn nun sei, ob er die Feuerwehr alarmiert habe? Er schickte mich wieder fort, ohne mir eine Antwort gegeben zu haben. Und irgendwie fiel ihm dann das Megaphon runter. Vielleicht, weil ich ihn am Arm schüttelte. Sofort stürzten sich einige Polizisten auf mich, packten mich, drängten mich auf die Seite und sagen «So, dä nämmed mer jetzt mit.» Ich bekam zwar keine Schläge ab, doch ein Polizist und ein ziviler Beamter schlugen auf einen Mann ein, der zu Boden geworfen worden war.


Als dann eine Anwohnerin versuchte, die Beamten daran zu hindern, kehrte sich einer von den beiden um und schlug ihr brutal ins Gesicht – obwohl sie ein Kleinkind auf dem Arm trug. Die dann doch irgendwie alarmierte Feuerwehr baute das Luftkissen auf. Beim Sturz vom Dach schrie Beni noch «wo wo wonige – ich flüüge», dann schlug er mit dem Becken auf einen vorstehenden Sims auf und stürzte zwischen Mauer und Sprungtuch auf den Boden.»

Bilanz dieses Morgens:
Der Architekt verstarb im Spital
Die Anwohnerin – zweifache Mutter – hatte einen äusserst komplizierten Beinbruch
Beni hatte Glück im Unglück und brach sich nur das Becken.
Die Welt ist für diejenigen, die zusehen mussten, stillgestanden. Der Abbruch ist weitergegangen – die Arbeiter haben weitergearbeitet und die Polizisten haben gelacht.

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Tante Adelante, Sommer 1989

«Frauen mobilisieren gegen sexistische Gewalt
20 Jahre Frauenbewegung
20 Jahre FBB

Dieser Geburtstag ist auch der Auftakt zur spektakulären, entschlossenen, überraschenden und feministischen Aktion Tante Adelante.

Aktion Tante Adelante wird in den nächsten Wochen in Zürich immer wieder von sich reden machen: Indem aktive Verschwörerinnen mit ihren zum Teil jahrelang ausgetüftelten Ideen und Themen an die Öffentlichkeit treten – dort, wo du es erwartest und dort, wo du es dir nicht träumen lässt. Nur in der konkreten Aktion gewinnen wir Stärke. Tante Adelante meint: Jetzt ist ausgeonkelt. Vom Frauentraum zum Frauenraum. Als Auftakt haben wir uns den unerträglich gewordenen Wohnungsnotstand vorgeknüpft. Für Frauen, die den Hauptanteil der neuen Armen ausmachen, die gewalttätigen Ehemännern ausgesetzt sind, hat er eine absolut katastrophale Bedeutung bekommen. So haben wir in der Nacht der rauschenden FBB-Fete vom 24. Juni das Haus an der Schmidgasse 3 im Dörfli besetzt.» Gegen hundert Frauen beteiligten sich an dieser Aktion, weil die Wohnungsnot die Frauen in besonderer Weise betrifft: Â«Mittels Architektur und Stadtplanung wird gegenüber Frauen Gewalt ausgeübt. Der Wohnungsbau ist auf die Kleinfamilie als Kern unserer Gesellschaft zugeschnitten, in der die Rolle der Frau als ewig Dienende und Heimchen am Herd in der isolierten Wohnung fest vorbestimmt ist.»

Im Dörfli ist zudem Gewalt gegen Frauen und Prostitution alltäglich. Keine Frauenirrenhäuser – mehr irre Frauenhäuser, lautet eine der Parolen der Adelante-Frauen, die sehr betont auf die weiteren Zusammenhänge hinweisen: «Die Depression zum Beispiel als typische Frauenkrankheit, mitverursacht durch die beschränkten Lebensräume der Frauen oder die Kontrolle über die weibliche Gebärfähigkeit und Sexualität.»

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Communique zur Wohlgroth-Besetzung _ 18.05

«HEUREKA – WOHLGROTH-FABRIK WIEDERBELEBT
Zürichs überraschender und unkonventioneller Beitrag zur Jubelfeier

Seit mehreren Jahren steht dieses geräumige Gebäude leer – mitten im Kreis 5.
Hier sollen 6 Wohnhäuser und 3 Fabrikgebäude dem alles verschlingenden Moloch geopfert werden – einmal mehr vertreten durch den Grossspekulanten Bührle. Diesmal im Schatten vom geplanten HB-Südwest und der langsam aus der Schublade auftauchenden Sihlautobahn.
Wie sagte doch Stapi Estermann so schön: Â«So sind die diesjährigen Junifestwochen nicht eine Rückschau auf die Tradition, sondern eine Suche nach neuen Horizonten; nicht ein selbstgenügsames Kramen in der Truhe des eigenen Besitzes, sondern eine spielerische Infragestellung durch das Neue und Fremde. Schritte ins Offene.»
Nun wühlen und bauen wir in dieser Fabriktruhe, leben und festen, wie's uns gefällt > Schritt für Schritt, mitten im Quartier und mit dem Quartier.
Das Bauamt I hat am 9. Mai überzeugend und präzis dargelegt, weshalb das Pfingstfest auf der Allmend nicht stattfinden kann:
«Damit solle der drohenden Übernutzung der Allmend entgegengewirkt werden. ... Überdies sei es nicht weiter verantwortbar, ökologisch wertvolle Wiesen und Wälder mit Motorfahrzeugen zu befahren und Teile eines wichtigen Naherholungsgebietes zu zerstören.»
Deshalb sind wir im Kreis 5 geblieben. Auch hier haben unnötige und unökologische Grossprojekte wie das Bührle-Projekt keinen Platz und nichts verloren.
Aus diesem Grund:
Sofortiger Baustopp, damit das Quartier selber über seine Zukunft entscheiden kann.
Das heisst vor allem:
Kein HB Wildwest
weder Sihltunnel noch -brugg
Tsüri ist weder rotgrün noch blauweiss – Tsüri lebt»

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